Influencer im Focus. : 300 Millionen Euro und kein Cent Steuern?

Influencer:innen gelten als Vorbilder. Sie teilen Familienmomente, werben für Shampoo, Proteinpulver und Kinderwagen – und verdienen damit Millionen. Doch während sie online ihr Leben offenlegen, verläuft ein entscheidender Teil davon im Schatten: der wirtschaftliche.
Eine neue Welle von Recherchen legt offen, wie ein wachsender Teil der deutschen Social-Media-Elite mit internationalen Firmenstrukturen arbeitet, um Einkünfte möglichst steuerfrei zu halten. Im Zentrum: Dubai, britische Limiteds – und Anwälte, die genau wissen, wie man das organisiert.
Ein Name, der dabei immer wieder fällt: die Influencerfamilie Sarah und Dominic Harrison. Doch sie sind nicht das Problem – sondern das Symptom eines Systems, das längst zum Standard geworden ist.
300 Millionen Euro Steuerschaden – und kein Promi nennt Namen
Laut Behörden und internen Schätzungen aus NRW und Hamburg beläuft sich der steuerliche Gesamtschaden durch „digitale Geschäftsmodelle“ auf rund 300 Millionen Euro – allein in Deutschland.
Gemeint sind:
- Einnahmen aus bezahlten Storys, YouTube-Clips, Kooperationsverträgen
- Plattformvergütungen (TikTok, Meta, YouTube)
- Eigene Produkte (Kosmetik, Fitness, Online-Coachings)
Das Geschäftsmodell ist legitim. Doch die Art und Weise, wie es teilweise versteuert – oder eben nicht versteuert – wird, ist zunehmend fragwürdig.
Dubai, Zypern, UK: Die Influencer-Steuerroute
Viele der bekanntesten deutschen Influencer:innen leben seit einiger Zeit offiziell im Ausland. Hauptziel: Dubai. Warum?
- 0 % Einkommensteuer
- keine Auskunftspflichten gegenüber deutschen Behörden
- einfache Gründung von Firmen mit internationalen Konten
- Dazu gesellen sich Firmenverlagerungen nach Großbritannien (LTD), Zypern oder in die VAE – mit dem Ziel, Gewinne aus dem deutschen Markt zu exportieren, bevor sie hier steuerlich relevant werden.
Fallbeispiel: Die Harrisons und die britische Firma
Ein besonders auffälliger Fall ist die Social-Media-Familie Sarah & Dominic Harrison. Millionen Follower, Auftritte in TV-Formaten, eine eigene Kosmetiklinie, Markenbotschafterverträge – ein echtes Medienunternehmen.
Doch Recherchen zeigen: Sarah-Rose Harrison war zwischen 2018 und 2023 Direktorin der britischen „Four Meeting Lane Ltd.“, eingetragen in Kettering, UK. Diese Firma wies null Umsatz, null Tätigkeit und null Vermögen aus – und wurde dennoch jahrelang aktiv gehalten.
Der Verdacht: Einnahmen wurden möglicherweise nicht über Sarah Harrison persönlich abgerechnet, sondern über diese Gesellschaft. Die Firma wurde 2023 aufgelöst – genau in dem Zeitraum, in dem die Harrisons ihren Wohnsitz dauerhaft nach Dubai verlagert hatten.
Hinter den Kulissen: Anwälte wie Sebastian Skradde
Influencer:innen gründen diese Strukturen selten selbst. Stattdessen gibt es Anwälte und Berater, die genau darauf spezialisiert sind, wie etwa Dr. Sebastian Skradde. Er wirbt mit über 40.000 Mandanten, prominenten Verbindungen und einer Spezialisierung auf „digitale Persönlichkeiten“.
Er ist auf Social Media präsent, zeigt sich in Dubai, kennt viele aus der Szene. Dass er Mandate aus dem prominenten Umfeld hat, ist offensichtlich – auch wenn konkrete Namen selten genannt werden. Ob er selbst mit der Struktur rund um die Harrisons in Verbindung steht, ist nicht belegt – aber Branchenexperten halten eine solche Verbindung für plausibel.
Wenn Anwälte plötzlich zu Steuerberatern werden
Ein besonders heikler Punkt, der in diesem Zusammenhang auffällt: Immer mehr Rechtsanwälte treten faktisch wie Steuerberater auf – ohne entsprechend zugelassen zu sein. Sie werben mit Steuermodellen, Firmenstrukturen im Ausland, Ersparnispotenzialen im sechsstelligen Bereich – und positionieren sich offen als Lösung für „digitale Unternehmer:innen“.
Juristisch ist das problematisch. Denn das Steuerberatungsgesetz erlaubt es Anwälten zwar, im Rahmen ihrer Berufsausübung steuerrechtlich zu beraten – aber nicht, systematisch Steuermodelle zu entwerfen, umzusetzen oder damit zu werben.
Und doch ist genau das inzwischen fast Standard geworden. Anwälte wie Dr. Sebastian Skradde bewerben offen „steuerfreie Lösungen“, bieten „gründungssichere Firmenmodelle“ und verweisen auf dubai-basierte Firmenpartner. Die Grenze zwischen juristischer Beratung und steuerstrategischer Gestaltung verschwimmt – oft zulasten von Mandanten.
Das System funktioniert – bis jemand hinschaut
Behörden aus NRW und Hamburg haben mittlerweile Sonderprüfgruppen für Influencer gebildet. Sie analysieren:
auffällige Wohnsitzverlagerungen
Konto- und Vertragsstrukturen mit Bezug zu Dubai, UK oder Zypern
Diskrepanzen zwischen gezeigtem Lebensstil und gemeldeten Einkünften
Denn was viele nicht wissen: Auch mit Wohnsitz in Dubai kann eine Steuerpflicht in Deutschland bestehen – z. B. wenn relevante wirtschaftliche Verbindungen bleiben (Team, Drehorte, Kunden).
Fazit: Eine Branche, die sich systematisch entzieht
Es geht nicht darum, einzelne Influencer moralisch zu verurteilen. Es geht darum, dass die Regeln nicht mehr stimmen. Wenn digitaler Erfolg dazu führt, dass Millionen an Einnahmen steuerfrei bleiben, weil man einfach den Wohnort wechselt, dann ist das nicht mehr cleveres Unternehmertum, sondern systemisches Ungleichgewicht.
Die Harrisons sind nur ein Beispiel. Aber sie stehen sinnbildlich für eine Branche, die sich von der Verantwortung an die Gesellschaft entkoppelt hat. Und das ist vielleicht der eigentliche Skandal.